Das Trilemma zwischen Demokratie, nationaler Souveränität und Globalisierung

Im vergangenen Dezember übernahm die Bundesrepublik Deutschland den Vorsitz der G-20 in einer Phase schneller und tiefgreifender Veränderung. Christoph Blüm analysiert das Umfeld der deutschen G20-Präsidentschaft, das von „Brexit“ und Skepsis gegenüber liberalen westlichen Werten sowie nationalistischen Strömungen in der Politik einerseits und dem wirtschaftlichen Zusammenrücken und der Entwicklung des ständigen Wachstums des Welthandels andererseits geprägt wird.  

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist die politische Agenda der G-20 praktisch auf den Kopf gestellt. Neben dem für die Bundesregierung bitteren Verlust sicherer politischer Verbündeter wie beispielsweise den Vereinigten Staaten von Amerika, deren politische Linie sich seit dem Amtsantritt von Donald Trump nach dem Paradigma „America First“ richtet, oder Großbritannien, das als einflussreicher Partner bedingt durch den „Brexit“ ausfällt, sieht sich das Format der G-20 selbst herausfordernden Zeiten ausgesetzt. Obwohl die G-20 zur Erörterung und Koordinierung zentraler Fragen der internationalen Wirtschafts- und Währungspolitik gegründet wurde, sind es nun bekanntlich ausgerechnet Akteure der G-20, die immer weniger mit- als vielmehr gegeneinander arbeiten. Statt besserer Zusammenarbeit erlassen Staaten entgegen ihrer anderslautenden Versprechungen protektionistische Maßnahmen zur Abschottung ihrer Märkte. Die Bundesregierung will ihre G-20 Präsidentschaft nutzen, um die internationale Zusammenarbeit zu vertiefen, mit dem Ziel, die Vorteile der Globalisierung durch gestalterische Politik breiter zu teilen. Daher verfolgt die deutsche Regierung eine klare Abgrenzung gegenüber der Rückkehr des Nationalismus bzw. Protektionismus.

Die Globalisierung – „Megatrend“ von gestern?

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem propagierten „Ende der Geschichte“ hat nichts Vergleichbares das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben derart geprägt wie die Globalisierung. Von ihr glaubte man, dass sie alte Mauern und Widersprüche überwinden und alle Bedürfnisse befriedigen würde. Nicht nur zahlreiche Studien, sondern auch der Verweis auf den wachsenden Wohlstand in Ländern wie den BRIC-Staaten belegten und förderten die Kredibilität einer „wohltätigen“ Globalisierung als Allheilmittel. Überzeugung war, dass die Globalisierung kein Nullsummenspiel sei, sondern vielmehr zur Vermehrung des Wohlstandes für alle beteiligten Akteure führe. Insbesondere die Europäische Union und ihre Grundwerte wie Freizügigkeit und ein offener Binnenmarkt waren das prädestinierte Beispiel für die stetige Verflechtung. Hier werden Produkte an verschiedenen Standorten in unterschiedlichen Ländern gefertigt – der Handel wurde entnationalisiert.

Dieser Prozess wird inzwischen offen infrage gestellt: So sind mittlerweile zum einen in der Mehrheit europäischer Länder Parteien mit nationaler Stoßrichtung auf dem Vormarsch, die offen europakritisch und populistisch agieren und somit die Solidarität, gar die europäische Idee in ihrer Gesamtheit infrage stellen. Infolge der wachsenden Unterstützung in der europäischen Bevölkerung haben populistische und nationalistische Parteien, die sich infolge des Wahlsieges des neuen US-Präsidenten Trump und durch den „Brexit“ im Aufwind wähnen, eine realistische Chance in einem Mitgliedsstaat der Europäischen Union bei den anstehenden Wahlen die Regierungsmehrheit zu erlangen.[1]

Zwar reagierten die Märkte nach dem Wahlgewinn Trumps entgegen der Prognose positiv auf das Wahlergebnis, allerdings ist es laut einer Studie von Oxford Economics unwahrscheinlich, dass die Märkte auf weitere populistische Wahlgewinne so positiv wie bei Trump reagieren werden.[2] Zudem konzentriert sich die populistische Politik insbesondere auf die Themen Einwanderung, Handel und Regierungsführung, welche typischerweise für den Markt negative Konsequenzen hervorrufen. Dadurch steigt darüber hinaus die Gefahr, dass das Projekt Europa zu einer Ansammlung von Ländern verkommt, die sich gegenseitig nicht als Schicksalsgemeinschaft, sondern als rivalisierende Nachbarn begreifen.

Ein Vorgeschmack hierauf liefert die Flüchtlingskrise, die von nationalistischen Parteien als kulturelle Bedrohung kommuniziert wird. Die Flüchtlingskrise stellt ein „Rendezvous mit der Globalisierung“ (Schäuble)[3] dar und offenbart die negativen Seiten der Globalisierung vor Ort. Als Reaktion auf die hohen Flüchtlingszahlen sahen sich viele Länder dazu veranlasst, die europäische Solidarität zu ignorieren, indem von der Umsetzung des Dublin Abkommens abgesehen wurde. Daraufhin wurden im Schengenraum vereinzelt wieder Grenzkontrollen eingeführt.[4]

 Dieses Abkommen mit seinen offenen Binnengrenzen gilt als zentraler Aspekt eines vereinten europäischen Kontinents und ist insbesondere dann in Gefahr, wenn sich die Themen der Flüchtlingskrise mit jenen des islamistischen Terrorismus vermischen. Denn gerade Rechtspopulisten versprechen sich durch eine eigene, nationalstaatliche Lösung ein Universalmittel, indem sie Selbstbestimmung, Freiheit und Gemeinschaft für ihre Agenda umdeuten. Gerade dieser wachsende Nationalismus aber gefährdet die Sicherheit der Bürger, da sich dadurch nicht nur der koordinierte Umgang mit der Flüchtlingskrise, sondern auch die gemeinsame Abwehr terroristischer Bedrohungen erschwert. Das bestmögliche Szenario wäre daher, dass die Gefahr des Populismus und die Unberechenbarkeit des neuen US-Präsidenten zu einer neuen Loyalität unter dem Dach des europäischen Projekts führen. Dies könnte zudem positive Auswirkungen, einschließlich institutioneller Reformen, haben. Die Konditionalisierung der US-Amerikaner, die für Europa nur dann da sein wollen, wenn Europa für die USA einsteht, zwingt die Europäische Gemeinschaft zur Modernisierung und Konsensfindung. Gerade in der heutigen unsicheren Zeit, die mit einer veränderten geopolitischen Lage einhergeht, muss die Europäische Union sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus sicherheitspolitischer Sicht ein stabilisierender Pfeiler sein. Dazu müssen sich die europäischen Mitgliedsstaaten wieder auf gemeinsame Werte besinnen und selbstbewusst dafür einstehen, um die Fliehkräfte und den Populismus einzudämmen.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Globalisierung

Gleichwohl profitieren Rechtspopulisten von dem Gefühl vieler Menschen, die sich in der Anonymität und Wettbewerb der Globalisierung als austauschbar empfinden und ihres Identitätsbewusstseins verlustig werden. Gerade für diese Identitätskrise bietet der von Rechtspopulisten ersonnene Nationalstaat eine durch Sprache, Tradition und Kultur sinnstiftende Klammer, die ein abgrenzendes und beschützendes Zugehörigkeitsgefühl vermittelt. Der verlorene Anker scheint so in vermeintlich Altbewährtem zu finden zu sein. Dazu kommt das Gefühl, abgehängt worden zu sein. Ein Großteil der Beschäftigten bekommt den durch die Globalisierung verstärkten Wettbewerbsdruck vor Ort zu spüren. Unterstrichen wird diese Entwicklung durch die hohe Zahl prekär Beschäftigter und die stetige Rationalisierung bzw. Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer. Zwar zeichnete sich die Globalisierung immer durch ein hohes Maß an Waren-, Kapital- und Migrationsströmen aus. Bislang aber überwogen die Vorteile für die Beschäftigten und Verbraucher im Westen deutlich. Nun aber fordern immer mehr Menschen ihren gleichberechtigten Anteil am globalen Reichtum. Dass Gleichberechtigung für denjenigen, dessen exponierte Stellung nun in Gefahr ist, kein Ideal ist, versteht sich von selbst.

So überrascht es nicht, dass aufgrund der im europäischen Vergleich vergleichsweise schwach ausgeprägten staatlichen Sozialsysteme die Abstimmungsergebnisse in den USA und Großbritannien diese Reaktion widerspiegeln, obwohl gerade diese beiden Länder in den Bretton-Woods Vereinbarungen tonangebend unterstrichen, dass nur die freie wirtschaftliche Zusammenarbeit für umfassenden Wohlstand und globaler Sicherheit sorgen kann. Gerade in den USA, die aufgrund ihres Selbstverständnisses und der kulturell-geschichtlichen Prägungen Transferleistungen ablehnend gegenüberstehen, waren deshalb die Arbeiter für die Versprechungen von Donald Trump für mehr Arbeitsplätze empfänglich. Denn für viele US-Bürger sichert allein der jeweilige Arbeitsplatz Individualität und Freiheit. Während Ökonomen Umschulung und Mobilität fordern, bevorzugen viele Menschen den Status quo. Die Welt ist schlicht klebriger und weniger als die Traumwelt eines Ökonomen, in der Ideen und Menschen frei über die „Grenzen“ fließen.

Der politische Rückhalt für internationalen Freihandel schwindet

Dabei erlebt das Nationale nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Wirtschaftspolitik seine Renaissance, denn Hand in Hand mit dem Nationalismus geht der Protektionismus. Dieser ökonomische Nationalismus, also der Drang, Arbeitsplätze und Kapital in den eigenen Staatsgrenzen zu halten, macht die wirtschaftliche Problematik auch zu einer politischen.

Dabei hat sich der Trend des kontinuierlichen Wachstums des Welthandels mittlerweile bereits umgekehrt, auch ohne Trump im Amt. Dies kann mit Zahlen unterstrichen werden: Laut aktuellen Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in der Studie mit dem Titel „The Global Trade Slowdown“ ist der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen 2012 und 2015 nur halb so schnell gewachsen wie im Durchschnitt der Jahrzehnte seit 1960. Laut der Studie sei der länderübergreifende Warenaustausch seit Ausbruch der Finanzkrise lediglich um 3 Prozent jährlich gewachsen. In den zwei Jahrzehnten vor der internationalen Finanzkrise im Jahr 2007 lag der jährliche Durchschnitt noch bei mehr als 7 Prozent. Die Dynamik des globalen Güteraustauschs hat demnach nachgelassen, wohingegen der Umfang der verwendeten grenzüberschreitenden Bandbreite seit 2005 um das 45-Fache angestiegen ist. Laut dem McKinsey Global Institute ist die Globalisierung deshalb nicht rückläufig, sondern sie bekommt stattdessen lediglich einen neuen Charakter, der durch steigenden Daten- und Informationsaustausch definiert wird. Auch die Wachstumsprognose des Instituts für die nächsten fünf Jahre ist beachtlich. So sollen die digitalen Ströme noch mal um das Neunfache steigen.[5]

Festzumachen ist der Rückgang des globalen Güteraustausches teilweise an der Transformation der chinesischen Volkswirtschaft, die sich mitten in einer typischen Übergangsphase von einem auf Investitionen in die Schwerindustrie zu einem neuen auf dem Dienstleistungssektor und Binnenkonsum basierenden Wachstumsmodell befindet. Gleichwohl wächst aber die Weltwirtschaft, das heißt: Die Volkswirtschaften schotten sich ab. Belegt wird diese politische Neuorientierung hin zu schützenden Maßnahmen für die nationale Wirtschaft durch den von der Universität St. Gallen im Jahre 2015 veröffentlichten Bericht „Global Trade Alert“, der seit der internationalen Finanz- bzw. Haushaltskrise im Jahre 2009 über 3500 protektionistische Maßnahmen durch Mitgliedsstaaten der G-20 registrierte.[6] Die Welthandelsorganisation WTO vermeldete im Anschluss im Winterhalbjahr 2015/2016 einen neuen Höchststand an protektionistischen Regelungen seit Beginn der Datenerhebung im Jahre 2009.[7] Diese Abschottungen vollziehen sich in unterschiedlichen Formen. So können heimische Anbieter bei öffentlichen Beschaffungsvorgängen bevorzugt werden, heimische Produkte verstärkt subventioniert, Im- bzw. Exportzölle verhängt werden oder unnötig komplizierte Standards eingeführt werden, um ausländische Wettbewerber zu übervorteilen. Beispielhaft hierfür ist die von dem Sprecher des US-Repräsentantenhauses Paul Ryan vorgeschlagene proamerikanische Steuerreform. Darin verfolgen die US-Republikaner eine neue Ausrichtung ihrer Firmensteuern mit dem Ziel, die US-amerikanische Exportwirtschaft zu stärken.[8] Die Republikaner erhoffen sich nicht nur Tausende neue Arbeitsplätze, sondern auch den Abbau des riesigen Außenhandelsdefizits, indem nun Unternehmensgewinne steuerlich unterschiedlich behandelt werden sollen – je nachdem wo sie erwirtschaftet werden. So sollen die Exportgewinne amerikanischer Firmen nicht mehr besteuert werden. Besteuert würden nur die auf den Verkauf in dem US-Markt abzielenden Aktivitäten. Damit würden die USA eine Art virtuelle Mauer um ihren Heimatmarkt ziehen, welche wie eine Einfuhrsteuer in Höhe von 20 Prozent wirke, während die in den USA hergestellten Waren deutlich verbilligt würden. Laut der Deutschen Bank „könnten die Auswirkungen massiv sein und dürften deutliche Nachfrageverschiebungen und Veränderungen grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten mit sich bringen“. Bereits die Ankündigung dieser Pläne veranlasste die Europäische Union offenbar dazu, eine Klage gegen die USA vor der WTO vorzubereiten.[9]

Die einhellig anerkannte Theorie des britischen Ökonomen David Ricardo, der nach dem Ende der Blockade der britischen Insel durch Napoleon den „Handel als Motor des Wohlstandes für alle Beteiligten“ ausmachte, scheint Risse bekommen zu haben. Insbesondere für die starke deutsche Exportnation ist dies eine gefährliche Gemengelage, denn vor allem exportstarke Nationen sind an besseren Handelsbeziehungen interessiert. Die Reaktion des handelsfeindlichen Populismus gleicht daher einer möglichen Situation in einem überfüllten Theater: Ein Besucher sieht schlecht und steht auf.  Er wird zwar kurzfristig besser sehen – wenn aber alle anderen (gezwungenermaßen) aufstehen, sieht zum Schluss keiner besser als vorher. Und zudem müssen alle stehen. Das Problem dieser Maßnahmen ist also, dass sie nicht nur das Wachstum schädigen, sondern auch, dass dadurch ein reziproker Teufelskreis in Gang gesetzt wird, der zum einen die Gefahr eines Handelskrieges steigen lässt, und zum anderen zur weiteren Entzauberung des Handels beiträgt. Ein reziproker Schlagabtausch à la „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ würde jeden Beteiligten „blind“ machen, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Dieser zufolge könnten sich die jährlichen Wachstumseinbußen bis zum Jahre 2025 auf bis zu 235 Mrd. Euro summieren, falls der Schengenraum außer Kraft gesetzt würde.[10] Keine Volkswirtschaft würde das so hart treffen wie die der Bundesrepublik, in der ein immenser außenwirtschaftlicher Überschuss von rund einer viertel Billion Euro erzielt wird und eine millionenstellige Zahl Arbeitsplätze am Außenhandel hängt.

Symptomatisch für die protektionistischen Tendenzen ist auch das zum Scheitern verurteilte Transatlantische Freihandelshandelsabkommen (TTIP) und die anhaltende Kritik an CETA. Protektionismus wird mehrheitsfähig – wir gegen die anderen. Wer offen für Freihandel wirbt, verliert Stimmen bzw. Wahlen. Für viele Menschen ist es einleuchtend, dass es besser sei, mehr heimische Produkte und weniger Waren aus dem Ausland zu kaufen, vor allem dann, wenn bereits Industrieanlagen vorhanden und die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes hoch ist. Dies überzeugt nur auf den ersten Blick. Denn mag es für eine bestimmte Branche vernünftig und wirtschaftlich sinnvoll sein diese zu subventionieren, beispielsweise aufgrund kultureller Schutzbedürftigkeit (Weinanbau), so würden bald alle Branchen ähnlichen Schutz vor dem Ausland fordern. Ein Spiel, bei dem die konkurrierenden Handelspartner nicht tatenlos zuschauen würden. Der Export deutscher Waren ins Ausland würde über kurz oder lang signifikant zurückgehen.

Ein Handelskrieg am Ende der Spirale, durch welchen alle Länder Wohlstand und Arbeitsplätze verlören, wäre die Konsequenz. Exemplarisch hierfür ist die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933, in der sich ein Großteil der Staaten, im Endeffekt vergeblich, der Autarkiepolitik bediente, um mit Währungsmanipulation und Einfuhrgrenzen auf Kosten anderer Länder zu profitieren. Dieser Protektionismus hat zweifelsohne zu dem unermesslichen Leid und der politischen Katastrophe der Folgejahre beigetragen.

Dennoch erlässt diese Argumentation der Bundesregierung nicht die Notwendigkeit, auch in der Bundesrepublik gegen die Unzufriedenheit der Bevölkerung Lösungen zu finden. Alarmierend sollte daher der jüngste Bericht der Europäischen Zentralbank über die Besitzverhältnisse der Europäer sein. In diesem schneiden die Deutschen trotz der stabilen wirtschaftlichen Lage nur mittelmäßig ab, während die mittleren Einkommen von beispielsweise Italienern, Franzosen und Niederländern zum Teil deutlich höher sind.[11] Flankiert mit den steigenden Kosten für den Lebensunterhalt und unsichereren Zeiten auf dem Arbeitsmarkt gibt dies eine gefährliche Ausgangslage, die den Rechtspopulisten massenhaften Wählerzulauf bescheren könnten.

Gefahr des Demokratieverlustes

Dani Rodrik, Autor des Buches „The Globalization Paradox“[12], könnte tatsächlich ins Schwarze getroffen haben, als er sagte, dass die Globalisierung nur so weit fortschreiten kann, bis sie selbst eine politische Reaktion hervorruft. Paradoxerweise erschafft die Globalisierung ihre eigenen Gegner. Denn offenbar ist es nicht möglich gleichzeitig Demokratie, nationale Entschlossenheit und wirtschaftliche Globalisierung zu verfolgen, da wir entweder den Nationalstaat oder die demokratische Politik aufgeben müssten, um die Globalisierung und die Integration weiter substantiell voranzutreiben. Es entsteht mithin ein Trilemma, da eine Gesellschaft nicht global integriert, völlig souverän und demokratisch sein kann. Genau diese Verlagerung der Souveränität auf supranationale Organisationen erschafft zudem Politikverdrossenheit. Deshalb ist auch die aktuell größte Sorge, dass die nicht regulierte und verwaltete Globalisierung die Demokratie untergräbt. Dies geht auch aus einer Studie der Universität Harvard hervor, in der vor einem Rückgang demokratischer Regierungsformen in der westlichen Welt gewarnt wird, da zunehmend weniger junge Menschen der Demokratie vertrauen würden.[13] Besorgniserregend ist auch die Passivität bei Wahlen von jungen Generationen. So beteiligten sich bei dem EU-Referendum in Großbritannien nur 36 % der 18- bis 24-Jährigen an dem Votum, während bei den 25 – bis 34-jährigen lediglich 58 % ihre Stimme abgaben. Zum Vergleich: Von den über 65-jährigen Briten gingen mehr als 83 % an die Wahlurnen.

Schlussfolgerungen

Die Geschichte zeigt, dass die Globalisierung nicht linear ist und auch nicht vollends umgekehrt, aber sehr wohl zurückgedreht werden kann. Beunruhigend ist, dass einige Wirtschaftsexperten offenkundig Parallelen zu der Vorkriegszeit im Jahre 1913 ausmachen, denn auch damals spielten Nationalismus und Protektionismus die entscheidende Rolle für den Rückgang der Globalisierung. Hoffnung macht aber, dass der zukünftigen Gestaltung der Globalisierung durch politische Entscheidungen in der Gegenwart eine Richtung gegeben werden kann, sodass nicht zwangsläufig in 100 Jahren „Die Schlafwandler 2.0“ erscheinen muss.[14]

Die Politik und die Institutionen, die Regeln für die globalen Märkte zu verantworten haben, müssen die Vorteile einer gemäßigteren Form der wirtschaftlichen Globalisierung ins Bewusstsein rücken und kommunizieren, vor allem im Hinblick auf die zu erwartenden Fortschritte durch Digitalisierung und technologischen Wandel. Dazu ist auch notwendig, das Gleichgewicht zwischen nationaler Autonomie und wirtschaftlicher Globalisierung neu auszutarieren.

Deshalb sind politische Entscheidung auf Ebene der G-20 inzwischen überfällig, droht nicht nur ein gefährlicher Trend zum Protektionismus, sondern auch, dass die sozialen und gesellschaftlichen Spannungen eine populistische Gegenreaktion auslösen werden, welche den Multilateralismus und die Demokratie untergräbt. Für die Bundesrepublik ist die Präsidentschaft der G-20 eine attraktive und selten wiederkehrende Möglichkeit, eigene Ideen auf die Agenda zu setzen und nationale Gestaltungsmacht zu beweisen. Aber auch auf europäischer Ebene sind Reformen notwendig. Der informelle Gipfel in Paris zwischen dem französischen Präsidenten Hollande und Bundeskanzlerin Merkel sowie den Regierungschefs von Spanien und Italien, Rajoy und Gentiloni, bei dem explizit für neue Formen der Zusammenarbeit, wie beispielsweise eine EU verschiedener Geschwindigkeiten, geworben wurde, ist ein klares Signal für den Willen einer tiefergehenden politischen Integration. Erforderlich ist daher eine auf internationaler Ebene abgestimmte Rahmenpolitik und national ein Reformdreiklang, der neben besseren Bildungschancen auch zum Ziel hat, die durch die Globalisierung entstandenen Gerechtigkeitsdefizite zu beseitigen.

[1] Beispielsweise Marine Le Pen in Frankreich, http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-02/wahl-frankreich-marine-le-pen-front-national-wahlsieg

[2] https://d1iydh3qrygeij.cloudfront.net/Media/Default/email-attachements/Global%20Populism.pdf

[3] http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Interviews/2016/2016-02-04-PNP.html

[4] http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-11/schengener-abkommen-grenzkontrollen-europa-fluechtlinge

[5] http://www.mckinsey.com/business-functions/digital-mckinsey/our-insights/digital-globalization-the-new-era-of-global-flows

[6] http://www.globaltradealert.org/gta-analysis/tide-turns-trade-protectionism-and-slowing-global-growth

[7] https://www.wto.org/english/news_e/news16_e/trdev_22jul16_e.htm

[8]http://www.deutschlandfunk.de/us-plaene-zur-grenzausgleichssteuer-abwarten-was-die.769.de.html?dram:article_id=381168

[9] https://www.ft.com/content/cdaa0b76-f20d-11e6-8758-6876151821a6

[10] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/NW_Abkehr_vom_Schengen-Abkommen.pdf

[11] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-sind-laut-ezb-studie-kaum-reicher-als-der-euro-durchschnitt-13867082.html

[12] https://global.oup.com/academic/product/the-globalization-paradox-9780199652525?lang=en&cc=il

[13] http://www.zeit.de/politik/2016-12/harvard-studie-demokratie-junge-menschen-autoritarismus

[14] vgl. „Die Schlafwandler- Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ von Christopher Clark https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Schlafwandler/Christopher-Clark/DVA-Sachbuch/e272295.rhd

Christoph Blüm
Christoph Blüm
Christoph Blüm, Jahrgang 1992, ist Student der Rechtswissenschaften an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Stipendiat der Konrad-Adenauer Stiftung. Neben längeren Aufenthalten in den Vereinigten Staaten, Indien und Nicaragua studiert er seit August 2016 für zwei Semester an der Pontificia Universidad Católica in Santiago de Chile, wo er als studentischer Mitarbeiter am Heidelberg Center para América Latina arbeitet.

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